Orgosolo – Ein Ort voller Bilder als Freiluftgalerie

Orgosolo – Ein Ort voller Bilder als Freiluftgalerie
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Wer Orgosolo ansteuert, der begibt sich mitten hinein in das sardische Hinterland, das Land der Barbaren, La Barbagia. Ein Weg hierher ist immer ein Umweg abseits der Hauptverkehrsadern der Insel Sardinien, es sind steile Pässe zu überwinden, zugige Hochebenen zu passieren und schwindelige Serpentinenstraßen inmitten des Supramonte-Gebirges zu befahren. Warum nehmen Besucher diese Mühsal in Kauf? 

Die jüngere Geschichte der Ortschaft Orgosolo ist von Banditentum und Blutrache geprägt. Noch um 1915 forderte eine disamistade – eine blutige Familienfehde – 50 Todesopfer. Bis heute gelten die Bewohner als starrsinnig und stolz, ihre Mentalität als fuorilegge – als “außerrechtlich”. Ihr Widerstand richtet sich heute aber mehr gegen das moderne italienienische Staatswesen, das als kolonisierend empfunden wird. Eine europäische Staatsordnung hatte hier im Hinterland mit seiner archaischen Gesellschaftsstruktur lange keinen Platz. Denn die Lage und geologische Beschaffenheit der Ortschaft ließen nahezu ausschließlich die Tierzucht als Einnahmequelle zu – Orgosolo war historisch gesehen immer ein reines Hirtendorf, Landeigentum war unbekannt – eine Art natürlicher Kommunismus wurde gelebt. Noch heute ist das Weideland kein Privateigentum. Es gehört der Gemeinde, jeder Hirte leistet je Tier eine gewisse Abgabe an selbige und erwirbt somit das Nutzungsrecht. Das Land wird somit gemeinschaftlich genutzt.

Orgosolo – Hirten in bitterer Armut

Im späten Mittelalter kam es dann zur Mezzadria – einer fundamentalen Agrarreform, die Bauern dazu zwang, 50% ihres Ertrages an die Eigentümer des Landes abzuführen. Diese Reform entzog den Hirten systematisch ihre Lebensgrundlage. Aus dem kargen Leben der Hirten wurde ein Leben in bitterer Armut, dass sich nur durch Raubüberfälle und kollektive Beutezüge – der bardana – halbwegs erträglich gestalten ließ. Bis zu 500 Hirten, von Hunger und Sorge um ihre unterernährten Kinder gepeinigt, überfielen dabei bevorzugt Großgrundbesitzer in den umliegenden Städten. Eine ganze Gesellschaftsform wurde in das Banditentum gedrängt, um ihr  Überleben zu sichern. Noch 1870 gab es im Umfeld des Dorfes rund 2000 dieser “Hirtenbanditen”, die letzte bardana fand 1922 statt. Anschließend zerfiel das Kollektiv und wich zunehmend einem Kampf “Jeder gegen Jeden”.

Murales in Orgosolo - BilderAls die italienische Regierung auf Bestreben der NATO um 1970 einen Truppenübungsplatz auf der Hochebene oberhalb von Orgosolo – dem kommunalen Weideland, das durch alle Hirten des Ortes gleichberechtigt genutzt wird – anlegen wollte, griffen die Bewohner angeführt vom hier ansässigen Kunstlehrer Francesco Del Casino jedoch zu einer friedlichen Form des Widerstandes: Die gesamte Bevölkerung stellte sich den anrückenden Soldaten entgegen, die das Land in Besitz nehmen wollten. Der Übungsplatz wurde schließlich verhindert, denn die Soldaten mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. In der Folge entstand in Orgosolo ein politisches Klima mit vielen engagierten Menschen – sie hatten die Erfahrung gemacht, dass sie den Lauf der Dinge verändern konnten, wenn sie nur zusammenhielten.

Murales entstanden – Überdimensionale Wandgemälde, die in künstlerischer und doch unmissverständlicher Weise Missstände anprangern und heute längst nicht mehr nur auf italienische Politik beschränkt sind. Die Bilder bringen all die Abscheu zum Ausdruck, die wir “kleinen Leute” Angesichts von Ausbeutung und Korruption bei der Betrachtung der Weltpolitik empfinden, derer wir uns hilflos ausgeliefert fühlen.

Orgosolo – Kunst als Antwort

Heute sind etwa 150 dieser Murales in Orgosolo zu sehen. Sie bringen dem Dorf Bekanntheit und Besucher ein, die einen Teil der Probleme ihrer Bewohner lösen – neue Einnahmequellen entstehen. Seither wird sorgsam auf die Erhaltung und Pflege der Murales geachtet.


Ursprünglich stammt diese Kunstform aus Südamerika, ist aber heute im sardischen Hinterland weit verbreitet. Orgosolo gilt aber als Mekka dieser öffentlichen Kunstform.

Das Dorf liegt 20 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Nuoro entfernt und hat etwa 5250 Einwohner. Sein Name stammt aus dem frühsardischen und steht für “feuchter Ort”, was auf ein Sumpfgebiet und Quellen hinweist.

Hier finden Sie weitere Murales. Die Bilder stammen aus dem Jahr 2017 und liegen als Originalaufnahmen in über 20 Megapixel vor. Kontaktieren Sie mich gerne, wenn Sie diese verwenden möchten.


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